Aus Holz und Hingabe: Der Weg einer jungen Musikerin
„Sah ein Knab ein Röslein stehen …“ – ein bekanntes deutsches Lied, das von einem ersten, beinahe zufälligen Moment erzählt. Bei der 14-jährigen Malaysierin Anna Ruth Hui Han Oh könnte man es leicht umformulieren: Sah ein junges Mädchen ein Klavier stehen.
Ein kurzer Augenblick, ein erster Versuch. Ein paar Töne, vorsichtig gespielt, fast tastend – als würde sie dem Instrument zunächst zuhören, bevor sie selbst gehört werden wollte. Was als neugieriges Ausprobieren begann, entwickelte sich Schritt für Schritt zu etwas Tieferem: Hingabe. Seit Anna fünf Jahre alt war, ist das Klavier Teil ihres Alltags. Aus einzelnen Tönen wurden Melodien, aus Übung wurde Ausdruck. Bald schon führte dieser Weg sie zu einer Klavierlehrerin, mit der sie die Grundlagen erarbeitete und Stück für Stück in die Welt der Musik hineinwuchs.
Holz, Resonanz, Klang – das Klavier ist mehr als nur ein Instrument. Es ist ein Körper, der auf Berührung reagiert. Vielleicht liegt gerade darin seine besondere Anziehungskraft. Anna entdeckte früh, dass Musik nicht nur gespielt, sondern gespürt werden kann.
Im Alter von acht Jahren kam – inspiriert durch YouTube – ein zweites Instrument hinzu: die Violine. Im Gegensatz zum Klavier wirkt sie unmittelbarer, fast verletzlicher. Ihr Klang entsteht direkt aus der Bewegung, aus dem Kontakt zwischen Bogen und Saite. Auch sie ist ein Instrument aus natürlichen Materialien, geformt aus Holz, getragen von Spannung und Feingefühl. Für Anna wurde die Violine schnell zu einer Ergänzung, die ihrem musikalischen Ausdruck eine neue Tiefe verlieh.
Früh suchte sie den Austausch mit anderen. Zunächst spielte sie im Symphonie-Jugendorchester Selangor, heute ist sie Mitglied im Malaysischen Philharmonischen Jugendorchester. Dort erlebt sie Musik nicht mehr nur als individuelles Spiel, sondern als gemeinsames Gestalten – als ein Zusammenspiel vieler Stimmen, die sich zu einem großen Ganzen verbinden.
Besonders prägt sie die Musik von Peter Iljitsch Tschaikowski. Seine Werke, reich an Emotion und Dynamik, spiegeln das wider, was sie selbst in der Musik sucht: Ausdruck, Tiefe und Bewegung.
In einer Zeit, in der vieles digital und flüchtig geworden ist, wirkt Annas Zugang zur Musik fast entschleunigt. Instrumente wie Klavier und Violine erinnern daran, dass Klang etwas Ursprüngliches ist – gewachsen aus Materialien, die selbst einmal Teil der Natur waren. Holz wird zum Träger von Emotion, Hingabe wird hörbar.
Diese Verbindung aus Ursprung und Entwicklung zeigt sich auch in ihrem Blick in die Zukunft. Anna lernt derzeit intensiv Deutsch, um schon bald ein Musikstudium im deutschsprachigen Raum aufzunehmen. Es ist ein Weg, der Disziplin erfordert, aber auch Offenheit – für eine neue Sprache, eine neue Kultur und neue musikalische Perspektiven.
Ihr Ziel ist klar: die Musik weiterzugeben. Vielleicht als Solistin, vielleicht als Teil eines Sinfonieorchesters. Doch unabhängig von der konkreten Form bleibt der Kern derselbe: der Wunsch, Klang lebendig werden zu lassen.
Und so beginnt alles immer wieder von vorn – mit Holz, mit Hingabe und mit dem Mut, einen ersten Ton zu spielen.
Text: Frank Zimmermann
Fotos: Anna Ruth Hui Han Oh




